Dinosaurier oder „the place to be“?

11 07 2012
Hallo zusammen,
es ist schon verrückt, wie sich alles in den letzten Zeiten so gewandelt hat. Schon immer wollte ich mich aktiv in Bibliotheken beteiligen, schon immer waren Bibliotheken für mich mehr als Häuser, in denen Bücher aufbewahrt werden. Mir ging es von jeher um zwei wichtige Dinge. Nutzerorientiertes Verhalten und Zugang zu Informationen. Bereits in meiner Ausbildung war mir klar, dass das Internet in eine Bibliothek gehört. In Erkrath sammelte ich erste Erfahrungen mit Web2.0 Diensten…alles noch recht rudimentär, aber zum ersten Mal gelang mir in einer Bibliothek das, was man heute so schön als „Community-Building“ beschreibt. Mit einem Blog zum Sommerleseclub schafften wir es, die Kiddies dazu zu bringen, eigene Rezensionen und Kommentare zu den gelesenen Büchern zu verfassen.
Jetzt, fast 5 Jahre später hat sich viel getan. Aus dem rumpeligen Blog in Erkrath ist eine gut laufende Facebook-Seite in Krefeld geworden. Der Wechsel nach Krefeld, in die Mediothek, war sicher einer meiner wichtigsten und besten beruflichen Schritte. Die Atmosphäre hier ist deutlich weniger Technik- und Innovationsfeindlich als in manch anderen Bibliotheken, in denen ich mich so beworben hatte. Nach 2 Jahren Facebook-Auftritt, Twitter, foursquare, pinterest, youtube und Google Plus gehe ich auf Vortragsreisen, bringe andere Bibliotheken Facebook und eBooks näher. Die Entwicklung verblüfft mich selbst oftmals am meisten. Wer hätte das vor fünf Jahren gedacht. Und jetzt? Jetzt schreibe ich einen Blogpost über moderne Bibliotheken und die Zukunft von Bibliotheken, wie ich sie mir vorstelle und erhoffe…und in der ich die einzige Möglichkeit sehe, deren Daseinsberechtigung zu wahren.
Oft höre ich auf meinen Vorträge von Menschen, die in Bibliotheken arbeiten, dieser soziale Kram sei ja ganz nett und man beglückwünscht mich dann auch zum Erfolg und so, aber schließlich dürfe man ja das Kerngeschäft einer Bibliothek nicht vergessen. Aber mal ehrlich, was ist denn unser Kerngeschäft? Sind wir nicht Dienstleister am Kunden, wollen wir nicht Informationsdienstleister sein? Natürlich weiß ich, was mit „Kerngeschäft“ gemeint ist. Es geht um den Erwerb, die Ausleihe und Rücknahme von Büchern…aber ist es das dann schon? Meiner Meinung nach, dürfen eBooks, soziale Netzwerke, Gaming, der Umgang mit Tablets und Smartphones keine Besonderheit sein, die einige Bibliotheken mit einigen Mitarbeitern anbieten…das gehört zur Lebensrealität unserer Leser und somit sollte es auch zum Arbeitsalltag von Menschen in Bibliotheken gehören.
Informationen, Musik, Klatsch und, ja, auch Bücher gibt es doch längst im Netz, warum sollte ich dann noch in eine Bibliothek gehen. Die Sentimentalen und Bibliophilen werden jetzt etwas von der Haptik der Bücher, dem Geruch und dem „Drumherum“ erzählen. Alles richtig, aber reicht das als Daseinsberechtigung für Bibliotheken in Zukunft aus? Ich denke nicht….was also sollen wir tun? Nun, da schließt sich ein wenig der Kreis zu meinem Blog in Erkrath…es muss für uns darum gehen, Communities um uns herum aufzubauen. Es darf nicht mehr die Bibliothek sein, in die ich nach der Schule gehen MUSS, es muss die Bibliothek sein, in die ich nach der Schule gehen WILL! Wir müssen Hip werden, cool, brauchen Aufenthaltsqualität in unseren Häusern. CommunityBuilding meine ich, in erster Linie, gar nicht mal nur Online. Aktionen wie der SommerLeseClub oder ähnliches sind dafür ein Grundstein. Diese verdammt Panik mal was Neues zu probieren ist furchtbar und hindert uns doch letztlich nur. Warum denn nicht mal ein Rock-Konzert in der Bibliothek? Warum keine monatlichen LAN Parties in der Bibliothek? Ladet Euch Leute ein, die etwas zu sagen haben. Seid nicht so konservativ. Alles hat nur Sinn, wenn wir den Nutzer im Auge behalten. Das alles heißt natürlich NICHT, dass wir ab Morgen die Bücher aus den Regalen räumen sollen. Nach wie vor ist, besonders die Belletristik, noch ein großer Teil des Kerngeschäftes, sicher nicht alles, aber schon sehr wichtig. Aber, schaut man sich die Entwicklungen, auch in „meiner“ Bibliothek an, erkennt man, dass die Ausleihe der eMedien stetig ansteigt. Also muss man überlegen, wo setzte ich wie viel Etat ein, schließlich kann ich jeden Euro nur einmal ausgeben.

Es muss zu Vernetzungen von digital und „echt“ kommen, wobei ich eigentlich kein Freund davon bin, beides zu trennen. Ich erlebe eine Lebensrealität. Für mich gehört das Posten auf Facebook, der Onlineaustausch mit Bekannten aus meinem Hobbyumfeld genauso zum echten Leben wie das Fotografieren am Flughafen oder der Gang zur Arbeit. Aber zurück zur Vernetzung. Ich glaube, es muss beides geben. Zum einen bedarf es Synergieeffkte, meint zum Beispiel „Twitterlesungen“. Menschen auf der Bühne diskutieren und die Zuschauer können via Smartphone und Twitter teilhaben….und Menschen zu Hause vor dem Rechner dank Hashtag auch. Auf der anderen Seite muss es uns gelingen, Webinhalte exklusiv zu machen. Mir stellen sich regelmäßig die Nackenhaare auf, wenn ich in Dienstanweisungen von unterschiedlichen Städten zum Thema „Internet und so“ den Satz: „Die Inhalte müssen auf allen Pattformen identisch auffindbar sein“ lese. Nein, müssen sie natürlich nicht. Twitterkonsumenten sind eine ganz andere Zielgruppe als Blogger oder „Facebooker“…Leute, seid kreativ und innovativ. Und bitte, bitte liebe Chefs und Kollegen….lasst die Leute mit neuen Ideen machen. Stellt Euch nicht in den Weg, bremst sie nicht aus…fragt sie doch mal lieber, was sie da machen. Sie surfen nicht den ganzen Tag aus Spaß im Netz umher. Einen guten, interessanten Auftritt zu betreiben ist harte Arbeit, glaubt es mir.

Und ich? Nun, ich werde das Bibliothekswesen wohl kaum in wenigen Tagen oder Wochen revolutionieren können, obwohl, warum sollte man sich keine hohen Ziele setzten?😉 Im Ernst, es geht mir darum, alles unter einen Hut zu bekommen. Der alltägliche Dienst, zu dem natürlich der Social Media Aspket kommt, aber eben auch die Hörbücher und der direkte Dienst am Kunden genauso wie die Entwicklung von „neuen“ Diensten, frischem Wind und verrückten Projekten. Ich habe da schon einiges im Kopf und muss mal sehen, was sich davon wie wird umsetzten lassen. Ich glaube (und hoffe), dass die Mediothek der beste, wenn nicht der einzige Platz für solche Ideen ist. Ein erster Schritt ist mein „Eintritt“ in die Zukunftswerkstatt. Seit einigen Tagen bin ich „Zukunftsentwickler“. Mit den Leuten aus der Zukunftswerkstatt zusammen zu arbeiten ist Inspiration pur. Der Verein ist eine Ansammlung von positiv Verrückten, die die Bibliotheken verändern wollen. Meine nächste Mission ist der Bibliothekskongress in Leipzig. Ich würde gerne weiterhin Vorträge zum Thema „Moderne Bibliothek“ halten, das macht mir nämlich ne Menge Spaß. Wenn man dann, nach einigen Stunden reden und zeigen, die Begeisterung in den Augen der Zuhörer sieht und man auch Wochen nach einem Vortrag noch angerufen oder angemailt wird und die Leute einem Fragen stellen und Ergebnisse präsentieren….Leute, das ist echt ein tolles Gefühl.

Möglich ist sowas alles nur, weil ich in Krefeld eine so gute Umgebung vorfinde. Eine Chefetage, die hinter der Idee einer modernen Bibliothek steht, Kollegen die mitziehen und sich vor Kameras schleifen lassen und interessante Aufgaben, die mir Ausgleich zum Social Media Kram geben….so soll es sein, so soll es bleiben!

So, jetzt habe ich aber genug geschrieben….ich hoffe, ich habe Euch nicht gelangweilt mit dem ganzen Bibliothekskram😉

Gruß, Martin


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One response

29 03 2013
Ina

touché! komm mir nicht mit dem „kerngeschäft“ – man sollte einen song darüber schreiben! es klingt schon in meinen ohren: das ist das kerngeschäft, was ist das kerngeschäft, wer hat das kerngeschäft geklaut?!

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